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Bipolare Störung (bipolare Erkrankung, manisch-depressive Erkrankung): Psychische Erkrankung, bei der sich Phasen krankhaft gehobener Stimmung und gesteigerten Antriebs (Manie oder Hypomanie) mit depressiven Episoden abwechseln. Frauen und Männer sind etwa gleich häufig betroffen. Die Behandlung umfasst stimmungsstabilisierende Medikamente, bei Bedarf weitere Psychopharmaka sowie Psychotherapie und Maßnahmen zur Rückfallvorbeugung. In schweren Krankheitsphasen kann eine Behandlung im Krankenhaus erforderlich sein. Das Ausmaß der Beschwerden und die Prognose variieren stark. Vor allem in depressiven Episoden haben Menschen mit bipolarer Störung ein erhöhtes Suizidrisiko.
In den manischen Phasen treten die folgenden Symptome auf:
Psychische Beschwerden:
Körperliche Beschwerden:
Die bipolare Erkrankung gehört zu den affektiven Störungen (Stimmungsstörungen). Etwa 3 % der Bevölkerung erkranken im Verlauf ihres Lebens daran. Die Ursache ist noch nicht geklärt, man geht von einem multifaktoriellen Geschehen aus.
Einen starken Einfluss scheinen dabei die Gene zu haben. Zwillingsstudien zeigen eine hohe Erblichkeit und Verwandte von Erkrankten haben ein erhöhtes Risiko, ebenfalls eine bipolare Störung zu entwickeln. Ein einziges Bipolar-Gen gibt es allerdings nicht. Stattdessen wirken sich viele genetische Varianten auf Systeme der Signalübertragung im Gehirn aus.
Insbesondere die neurobiologische Emotions- und Stressregulation scheint beteiligt zu sein. So finden sich bei Betroffenen z. B. Veränderungen in den Botenstoffsystemen des Gehirns, die für Belohnung, Antrieb und Stimmung zuständig sind (Dopamin, Serotonin und Noradrenalin). Auch in Gehirnbereichen für die Impulskontrolle und Emotionen lassen sich Veränderungen nachweisen. Zudem soll das Stresssystem beeinträchtigt sein.
Zu diesen genetischen und neurobiologischen Faktoren kommen bestimmte Auslöser hinzu. Forschende sprechen deshalb von einem Vulnerabilitäts-Stress-Modell, d. h. die Betroffenen entwickeln aufgrund ihrer Veranlagung eher eine bipolare Störung als Menschen ohne diese Veranlagung.
Zu den Auslösern gehören chronischer Stress und belastende Lebensereignisse, aber auch Schlafmangel, Tagesrhythmusverschiebungen (Jetlag, Schichtarbeit) und der Konsum von Alkohol oder Stimulanzien.
Wer bipolar ist, erlebt manische und depressive Krankheitsphasen in unterschiedlicher Intensität, meist mit symptomfreien Intervallen dazwischen. Manische Phasen halten in der Regel einige Wochen bis Monate an, selten auch Jahre. Häufig sind die depressiven Episoden länger als die manischen.
Je nach Auftreten der Beschwerden teilt man die bipolare Störung in zwei Formen:
Die bipolare Störung beginnt häufig bereits im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter und wird nicht selten erst nach mehreren Jahren korrekt diagnostiziert. Das liegt daran, dass bei vielen Betroffenen als erstes eine depressive Episode auftritt, die leicht als normale unipolare Depression fehlgedeutet wird. Auch hypomanische Phasen werden oft nicht als solche erkannt, sondern als besondere Leistungsfähigkeit oder gute Stimmung wahrgenommen. Selbst ausgeprägte manische Episoden können zunächst sowohl von den Betroffenen als auch von der Umwelt falsch interpretiert werden – z. B. als kreativer oder energetischer Schub.
Der Verlauf der Erkrankung variiert erheblich. Manche Patient*innen erleiden einige wenige Phasen, andere erleben mehr als zehn Episoden. Bei vielen Erkrankten bleiben auch zwischen den Phasen leichte Beschwerden bestehen, was das Risiko für erneute Episoden erhöht. Andere sind zwischen den einzelnen Episoden völlig beschwerdefrei.
Eine Sonderform der bipolaren Störung ist das Rapid Cycling. Dabei wechseln manische oder hypomanische und depressive Episoden besonders häufig, oft viermal oder mehr innerhalb eines Jahres. Etwa 20 % der Erkrankten sind davon betroffen, Frauen häufiger als Männer.
Die Diagnose erfolgt in der Regel durch ein ausführliches Gespräch. Darin fragt die Ärzt*in nicht nur nach den aktuellen Beschwerden, sondern auch nach früheren Stimmungsschwankungen und manischen oder depressiven Episoden. Häufig erleben die Patient*innen ihre Symptome nicht als krankhaft, manchmal erinnern sie sich daran auch nur unvollständig. Deshalb werden – natürlich mit dem Einverständnis der Betroffenen – oft auch Familienangehörige oder andere nahestehende Personen zum bisherigen Krankheitsverlauf befragt.
Auch Medikamente können manische Beschwerden auslösen, etwa ungewöhnliche Hochstimmung, starke Unruhe, vermindertes Schlafbedürfnis oder gesteigerten Tatendrang. Deshalb erkundigt sich die Ärzt*in nach allen regelmäßig oder kürzlich eingenommenen Arzneimitteln. Bekannt für diese Nebenwirkung sind vor allem Kortison, Antidepressiva oder Parkinsonmittel. Gleiches gilt für Alkohol und Drogen (Amphetamine, Kokain, Ecstasy), weshalb die Ärzt*in auch nach deren Konsum fragt.
Zur Unterstützung der Diagnosestellung können standardisierte Fragebögen eingesetzt werden, die typische Symptome einer manischen oder depressiven Phase erfassen. Beispiele sind der Mood Disorder Questionnaire (MDQ) oder die Hypomania Checklist (HCL-32). Diese Fragebögen dienen der Orientierung, ersetzen jedoch keine ärztliche Diagnose.
Neben dem ausführlichen Gespräch gehören eine körperliche Untersuchung sowie Laboruntersuchungen von Blut und Urin zur Diagnostik. Im Urin können beispielsweise Hinweise auf Drogen gefunden werden, die ähnliche Symptome wie eine Manie auslösen können. Außerdem werden im Blut unter anderem die Schilddrüsenwerte bestimmt, da eine Schilddrüsenüberfunktion ebenfalls mit manischen Beschwerden einhergehen kann. Besteht der Verdacht auf eine neurologische Erkrankung, werden weiterführende Untersuchungen durchgeführt. Dazu kann auch eine Bildgebung des Gehirns (z. B. eine Magnetresonanztomografie) gehören, um seltene Ursachen wie Tumoren oder andere strukturelle Veränderungen auszuschließen.
Differenzialdiagnosen. Es gibt sehr viele Erkrankungen, die zu ähnlichen Zuständen wie bei einer manischen oder depressiven Phase bei bipolarer Störung führen. In erster Linie sind dies Nebenwirkungen von Medikamenten oder der Missbrauch von Alkohol oder Drogen (z. B. Kokain, Ecstasy). Weitere bedeutende Differenzialdiagnosen sind die Schizophrenie (Wahn und Manie sind oft nicht gut zu differenzieren) und ein ausgeprägtes ADHS. An körperlichen Erkrankungen können insbesondere Schilddrüsenüberfunktion, Epilepsien, Hirntumoren, frontotemporale Demenz und hormonelle Veränderungen Manie-ähnliche Beschwerden auslösen.
Die Behandlung richtet sich danach, in welcher Phase der Erkrankung sich die Betroffene gerade befindet und wie ausgeprägt die Symptome sind. Dabei setzt sich die Therapie aus mehreren Bausteinen zusammen. Dazu gehören neben Medikamenten auch eine psychotherapeutische Unterstützung und stabilisierende allgemeine Maßnahmen (siehe „Ihre Apotheke empfiehlt“). Bei einer ausgeprägten Manie oder einer sehr schweren Depression kann eine stationäre Behandlung nötig werden.
Akute Manie: Zur Therapie einer manischen Episode werden vor allem stimmungsstabilisierende Medikamente und Antipsychotika eingesetzt. Häufig verwendete Wirkstoffe sind Lithium sowie die Antipsychotika Olanzapin, Quetiapin, Risperidon, Aripiprazol oder Cariprazin. Bei starker Unruhe oder Schlaflosigkeit verordnet die Ärzt*in manchmal kurzfristig zusätzlich Benzodiazepine.
Akute bipolare Depression: Je nach Beschwerden kommen Lithium, Quetiapin, Lurasidon, Lamotrigin oder in bestimmten Fällen eine Kombination aus Olanzapin und Fluoxetin infrage. Antidepressiva werden nur zurückhaltend und meist nur zusammen mit einem Stimmungsstabilisierer eingesetzt, da sie eine manische Episode auslösen können.
Phasenprophylaxe: Nach Abklingen der akuten Beschwerden ist eine langfristige Behandlung wichtig, um Rückfälle zu verhindern. Als wirksam gelten insbesondere Lithium, Lamotrigin sowie einige Antipsychotika wie Quetiapin oder Aripiprazol. Welche Medikamente geeignet sind, richtet sich nach Krankheitsverlauf, Verträglichkeit und Begleiterkrankungen. Reicht eine Monotherapie nicht, sind auch Kombinationen eine Option. Ergänzend zur medikamentösen Behandlung empfehlen die Leitlinien eine Psychotherapie.
Nach der akuten Krankheitsphase hilft eine Psychotherapie dabei, Warnzeichen neuer Krankheitsphasen früh zu erkennen, den Umgang mit der Erkrankung zu verbessern und die regelmäßige Medikamenteneinnahme zu unterstützen. Besonders gut untersucht sind Psychoedukation, kognitive Verhaltenstherapie und familienbezogene Behandlungsprogramme. Die Psychotherapie wirkt ergänzend, sie kann die medikamentöse Behandlung nicht ersetzen.
Die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn schwere depressive oder manische Episoden bestehen, die auf Medikamente nicht ausreichend ansprechen. Zudem ist sie eine Option, wenn eine schnelle Besserung dringend notwendig ist, etwa bei starker Selbstgefährdung. Dabei wird unter kurzer Narkose ein kontrollierter, medizinisch ausgelöster Krampfanfall im Gehirn erzeugt, der die Stimmung regulieren kann. Trotz ihres oft belasteten Images gilt die EKT in der modernen Medizin als sichere und gut untersuchte Methode, die in bestimmten Situationen eine wichtige Behandlungsmöglichkeit darstellt.
Eine stationäre Behandlung wird dann erforderlich, wenn Betroffene sich selbst oder andere gefährden oder aufgrund der Erkrankung nicht mehr in der Lage sind, für sich zu sorgen. Auch schwere manische Episoden mit ausgeprägter Unruhe, Wahnvorstellungen oder Halluzinationen sowie schwere depressive Episoden mit Suizidgedanken werden meist im Krankenhaus behandelt. Manchmal möchten die Patient*innen aufgrund fehlender Krankheitseinsicht nicht in einer Klinik behandelt werden. In diesen seltenen Fällen kann nach den jeweiligen gesetzlichen Bestimmungen auch eine Unterbringung gegen den Willen der Betroffenen erfolgen.
Die Erkrankung verläuft meist chronisch mit wiederkehrenden Episoden. Mit einer konsequenten Behandlung lassen sich die Phasen in der Regel abmildern und reduzieren, sodass viele Betroffene ein weitgehend normales Leben führen können. Es sind aber auch Verläufe mit schweren, die Lebensqualität stark beeinträchtigenden Episoden möglich. Zudem haben Patient*innen mit bipolarer Störung ein erhöhtes Suizidrisiko.
Sowohl für die Patient*innen als auch für die Angehörigen gibt es eine Reihe von Empfehlungen, um das Leben mit bipolarer Störung besser in den Griff zu bekommen.
Regelmäßige Medikamenteneinnahme. Stimmungsstabilisierende Medikamente sollten zuverlässig und wie verordnet eingenommen werden, auch in beschwerdefreien Phasen.
Frühsymptome ernst nehmen. Es ist wichtig, erste Anzeichen von Hoch- oder Tiefphasen (z. B. Schlafveränderungen, Antriebswechsel) früh zu erkennen und mit der behandelnden Ärzt*in zu besprechen. Wer Stimmung und Energie regelmäßig beobachtet und z. B. ein Stimmungstagebuch führt, kann Veränderungen leichter erkennen.
Fester Tagesrhythmus. Ein stabiler Schlaf-Wach-Rhythmus hilft, Stimmungsschwankungen vorzubeugen. Zudem sollte man übermäßige Belastungen vermeiden und auf ausreichende Erholungszeiten achten.
Alkohol und Drogen meiden. Diese können Episoden auslösen oder verstärken.
Psychotherapie nutzen. Sie kann helfen, die Erkrankung besser zu verstehen und Rückfälle zu vermeiden.
Selbsthilfegruppen. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann helfen, die Erkrankung besser zu bewältigen. In Selbsthilfegruppen lassen sich Erfahrungen mit dem Umgang im Alltag, der Behandlung und der Rückfallvorbeugung teilen. Viele Betroffene erleben die gegenseitige Unterstützung und das Gefühl, mit der Erkrankung nicht allein zu sein, als entlastend.
Angehörige sollten gut über die Erkrankung informiert sein. Dadurch können sie Frühzeichen von Hoch- oder Tiefphasen besser einordnen und rechtzeitig reagieren. Besonders wichtig ist, dass sie die mit der Ärzt*in besprochenen Krisenwege kennen – also, dass sie wissen, was in einem Notfall zu tun ist. Gleichzeitig müssen Angehörige von Betroffenen darauf achten, sich nicht selbst zu überfordern. Das bedeutet, Hilfe anzubieten, ruhig zu bleiben und gleichzeitig klare eigene Grenzen setzen. Auch für Angehörige gibt es Selbsthilfegruppen, in denen sie sich zu der Problematik austauschen können.
Bei einer schweren manischen Episode kann die Fähigkeit, Entscheidungen richtig einzuschätzen, deutlich eingeschränkt sein. In solchen Fällen kann es im Einzelfall vorkommen, dass die Geschäftsfähigkeit rechtlich nicht oder nur eingeschränkt gegeben ist. Werden in einer solchen Phase Verträge oder größere finanzielle Entscheidungen getroffen, können diese unter bestimmten Voraussetzungen rechtlich überprüft und möglicherweise angefochten werden.
Damit es nicht zu folgenschweren Entscheidungen kommt, kann es für Angehörige in Krisensituationen sinnvoll sein, vorsorglich Schäden zu begrenzen. Beispiele dafür sind
Solche Schritte sollten möglichst verhältnismäßig erfolgen und idealerweise in ruhigen Phasen gemeinsam mit der Patient*in besprochen werden, zum Beispiel im Rahmen eines Krisenplans.
Weiterführende Informationen
www.dgbs.de – Website der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen e. V. (DGBS), Hamburg: Vertritt Betroffene, Angehörige und Experten und bietet Hilfe in vielen Rubriken.
Quellen:
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