Gesundheit heute

Grundlagen der Homöopathie

In der Homöopathie werden Krankheiten und Beschwerden mit homöopathischen Mitteln behandelt, welche speziell für das jeweilige Anwendungsgebiet ausgesucht und zubereitet werden. Die Homöopathie wurde von dem Arzt, Apotheker und Chemiker Samuel Hahnemann begründet. Ihre Basis ist die Ähnlichkeitsregel. Sie lautet: "Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt". Homöopath*innen wenden demnach eine Arznei an, die ein ähnliches Leiden hervorruft wie sie heilen soll.

Ärzt*innen und Heilpraktiker*innen können Homöopathie ohne zusätzliche Ausbildung praktizieren. Etwa 2 000 Ärzt*innen haben in Deutschland jedoch die Zusatzbezeichnung Homöopathie, d.h., sie haben eine nach den Richtlinien der Bundesärztekammer durchgeführte Ausbildung durchlaufen. Fast zehnmal so viele Ärzt*innen verordnen jedoch in ihrer Praxis regelmäßig homöopathische Medikamente. Gleichgültig, ob ärztlich verordnet oder nicht: Homöopathische Arzneimittel dürfen nur in Apotheken verkauft werden.

Potenzierung. Um die in der damaligen Medizin regelmäßig auftretenden Überdosierungen zu vermeiden, begann Hahnemann, seine Arzneistoffe schrittweise zu verdünnen. Um dabei dennoch die Wirksamkeit der Arznei zu erhalten, ja zu steigern, verschüttelte oder verrieb er die Medizin auf jeder Verdünnungsstufe. Er nannte dieses nach seiner Erfahrung wirkungsverstärkende Verfahren Potenzierung oder Dynamisation. Bei der Dezimalpotenzierung (D-Potenzierung) wird die Ausgangslösung bei jedem Verdünnungsschritt um den Faktor 10 verdünnt, bei der Centesimalpotenzierung (C-Potenzierung) um den Faktor 100. Wie oft der Ausgangsstoff verdünnt und verschüttelt wurde, wird durch eine hinter dem Potenzierungsbuchstaben stehende Zahl angegeben, also z.B. D3 (dreimal um den Faktor 10, also 1 000-fach verdünnt) oder C3 (dreimal um den Faktor 100, also millionenfach verdünnt). Zum Einsatz kommen Potenzierungen bis C200! Ab einer Verdünnung von D24 (bzw. C12) ist die Ausgangslösung so weit verdünnt, dass nach den Gesetzen der Chemie keine Moleküle der ursprünglichen Wirksubstanz mehr zu finden sind.

Wirkungsweise. Ein nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Weltbild plausibler spezifischer Wirkungsmechanismus ist nicht bekannt. Niedrigere Potenzen (etwa bis D6) könnten jedoch über ihre pflanzlichen oder mineralischen Inhaltsstoffe wirken.

Anwendungsbereiche. Die Homöopathie ist mit einem Jahresumsatz von 670 Millionen € allein für homöopathische Arzneien (Stand 2018) eines der führenden Verfahren im Bereich der komplementären und alternativen Medizin in Deutschland. 90 % der ärztlich verordneten homöopathischen Arzneien werden aus der eigenen Tasche bezahlt; ein Hinweis darauf, wie populär die Homöopathie ist. 60% der Deutschen haben nach einer Forsa-Umfrage (Institut für Demoskopie, Allensbach 2014) persönliche Erfahrung mit der Homöopathie. Sie wird praktisch bei fast allen Krankheitsbildern eingesetzt, so bei Funktionsstörungen ohne organische Erkrankung, chronischen Krankheiten, bei Tumoren und bei psychosomatischen Beschwerden.

Bewertung. Obwohl die Homöopathie in den Zehner Jahren ein starkes Wachstum erlebt hat, verstummt die Kritik zahlreicher Ärzte und Wissenschaftler gegenüber der Homöopathie keineswegs. Im Gegenteil, es gibt diverse Aufrufe, den Einsatz der Homöopathie bei schweren Erkrankungen wie beispielsweise Tumoren einzuschränken. Denn die Einnahme von Homöopathika führt häufig dazu, dass (schulmedizinisch) wirksame Therapien unterbleiben. Kritiker*innen fordern außerdem, dass der Gesetzgeber das historische Privileg für die Homöopathie-Hersteller abschafft: Diese müssen nämlich bisher die Wirksamkeit ihrer Präparate nicht nachweisen.

Ärzten und Ärztinnen, die dies in Publikationen oder öffentlichen Vorträgen fordern, schlägt allerdings erbitterter Widerstand entgegen; viele Patienten wehren sich gegen die angebliche Verunglimpfung der Homöopathie, während die Hersteller homöopathischer Arzneimittel kritische Wissenschaftler und Ärzte mit teuren Unterlassungserklärungen abmahnen. Kein Wunder, dass bei Vorträgen der wohl prominentesten deutschen Homöopathiekritikerin und Ärztin Natalie Grams schon mal die Polizei für Ordnung im Saal sorgen muss.

Um die Homöopathie werden erbitterte Glaubenskämpfe geführt. Dass sie – teilweise spektakuläre, zumindest aber spezifische, also nicht placeboartige – Wirkungen haben soll, behaupten viele Autoren. Dafür sprechen Hunderte von "Heilungsberichten" in Büchern und Zeitschriften. Auch gibt es unkontrollierte (d.h. ohne Vergleich mit einem Placebo durchgeführten) Studien, die dieses nahelegen. Die Pharmaziegeschichte kennt allerdings etliche Arzneimittel, die aufgrund solcher unkontrollierter Studien Jahrzehnte lang verordnet wurden – und irgendwann doch vom Markt verschwanden, weil man erkannte, dass sie mehr schaden als nutzen. Ob die Erfolge der homöopathischen Arzneimittel auf spezifischen Wirkungen beruhen, ist nach wie vor unbewiesen. Ein naturwissenschaftlich plausibler Wirkmechanismus für hochverdünnte homöopathische Arzneimittel ist nicht bekannt, und die zur Wirksamkeit homöopathischer Behandlungen durchgeführten Studien sind widersprüchlich: Es gibt zwar einzelne Studien, die für eine spezifische Wirkung von homöopathischen Arzneimitteln sprechen, die Gesamtheit der bisher durchgeführten Untersuchungen spricht jedoch dagegen. Und: Je mehr die Studienkriterien den heutigen Anforderungen entsprechen, desto schlechter fallen die Ergebnisse aus. Nach heutigen wissenschaftlichen Standards muss damit die spezifische Wirkung der Homöopathie als fraglich, in jedem Fall aber als nicht ausreichend belegt gelten.

Von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Markus Escher in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014).

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